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Gesichtsmasken, Abstand halten und Hände desinfizieren

Pfingsten 2020,Gesichtsmasken, Abstand halten und Hände desinfizieren

Erste Gottesdienste nach dem Lockdown - Barsche Kritik

 

MERKENDORF. Corona hat das Land seit Mitte März komplett im Griff.

Es gibt keine gesellschaftliche Gruppierung, die nicht die Auswirkungen dieser bislang einzigartigen, weltweiten Pandemie zu spüren bekam. Da machen die Kirchen auch keine Ausnahme. Komplettes Verbot von Gottesdiensten, Taufen und Hochzeiten. Beerdigungen nur unter strengen und geradezu unwirklichen Auflagen möglich.

 

Doch so langsam lockerten sich die landesweiten Verbote. Die Infektionszahlen gehen zwar deutlich zurück, aber von null auf hundert ist auch jetzt nicht dran zu denken. Seit drei Wochen dürfen wieder Gottesdienste gefeiert werden. Ein Besuch in der Evangelischen Stadtkirche von Merkendorf.

 

Pfingstsonntag, zwanzig Minuten vor neun Uhr. Alle Eingänge verschlossen, nur der eine, das Hauptportal ist geöffnet. Die ersten Besucher kommen. „Wo möchten Sie sitzen?" fragt Mesnerin Marion Fetz freundlich den Besucher. „Ich geh nauf wie immer", nuschelt der Mann. Kein Wunder, er trägt eine Maske, die Mesnerin trägt eine Maske. Die Verständigung ist kompliziert.

Ein selbst gebasteltes Gestell mit einem Desinfektionsbehälter erinnert jeden an die notwendige Pflicht. Das also ist die neue gottesdienstliche Realität. Routiniert drücken die Besucher darauf, verreiben die sterile Flüssigkeit auf ihren Händen, rücken nochmals die Maske zurecht und gehen ohne den sonst üblichen Handschlag in die Kirche.

 

Alles irgendwie immer noch ungewohnt.So ungewohnt wie die Frage nach dem Sitzplatz. Doch auch das gehört zu einem ausgeklügelten Plan, den Pfarrer, Diakon und Kirchenvorstand nach Weisung des Evangelischen Landeskirchenamtes in München nun umsetzen müssen. Drinnen, im Halbdunkel des mächtigen Gotteshauses erwartet Mesnerkollegin Hannelore Wagner den Besucher, geleitet ihn auf die Empore und weist ihn dort einen Platz an. Auf gelbem Plakatkarton steht mit fetten Lettern geschrieben: „Sitzplatz! Bitte Abstand von cirka zwei Meter zum Nachbarn beibehalten!" Das ist die neue Gemeinschaftsform der christlichen Gemeinde: Abstand statt Nähe. „Absolut schrecklich", kommentiert Renate Brotwolf diesen für sie schlimmen Zustand. Sie ist eine treue Kirchgängerin, bezeichnet die Kirche gar als ihre zweite Heimat und erlebt derzeit kein angenehmes Szenario. Trotzdem besucht sie jetzt nach wochenlangem Lockdown endlich wieder den Gottesdienst ihrer Gemeinde.

 

Zögerlich kommen die Menschen, gehen etwas unbeholfen mit Maske und Liedblatt in ihre Kirche. Manche machen sich gleich Luft und verhehlen nicht, dass ihnen die gesamte Situation überhaupt nicht zusagt. „Ich weiß noch nicht, was ich davon halten soll", sagt beispielsweise Feuerwehrkommandant Werner Rück, als er die Maskenmänner und -frauen betrachtet. Andere winken nur einfach ab, gehen schnurstraks in die Kirche. Eine Frau wollte durchhuschen, wird gleich aufgehalten: „Bitte erst desinfizieren." Heinrich Ammon, Mitglied des örtlichen Posaunenchores stöhnt: „Seit März keine Probe. Ich bin so traurig". Er erzählt von Auftritten im heimischen Garten und am Unteren Tor. Dort werden sonntagabends um 19 Uhr Choräle geblasen. „Die Leut` kommen und es ist besser wie nix".

 

Die Kirche füllt sich mittlerweile, wobei das komplett übertrieben ist. Wo früher Platz für 600 Besucher war, dürfen nach den Lockerungen höchstens achtzig kommen, sagt Ortspfarrer Detlev Meyer. Diese Zahl ist das Ergebnis einer komplizierten mathematischen Berechnung. Familien dürfen nebeneinander sitzen, Einzelbesucher aber nicht, die berühmten zwei Meter Abstand müssen ebenso eingehalten werden, wie die Distanz von sechs Meter vom ohne Maske sprechenden Pfarrer und seiner Gemeinde. Mit anderen Worten: einfach sieht anders aus. Die Verantwortlichen maßen, grübelten, diskutierten, verwarfen und entschieden irgendwann: so und nicht anders wird es laufen. Fertig und Amen. Zwei Bänke bleiben geschlossen, eine ist frei.

 

Dekan Klaus Mendel aus Gunzenhausen ließ seine Beziehung zum Landratsamt in Weißenburg spielen und orderte für seine 27 Gemeinden je zehn Liter Desinfektionsmittel. Kostenlos, wie es sich gehört. „Damit können wir bestens leben", lobt der Pfarrer. In Meyers zweiter Kirchengemeinde Hirschlach dürfen dagegen nur 24 Besucher derzeit den Gottesdienst folgen.

 

Damit auch alles eingehalten wird, was sich der Kirchenvorstand ausgedacht hat, regelt ein Dienstplan, dass immer vier Personen eines Sicherheitsteams bei Gottesdiensten anwesend sein müssen, die zählen, einweisen, zur Not ermahnen und die die notwendigen Schilder und Hinweise aufstellen. Bevor es losgeht werden die Mikrophone und Türklinken desinfiziert, erklärt Erna Weeger, die an diesem Sonntag eingeteilt war. Und dann war es soweit, voll besetzt mit 80 Männer und Frauen. Es ist Pfingsten, die Kirche feiert ihren Geburtstag, vier junge Birken hinter dem Altar und zwei am Hauptportal kündigen von dem großen Ereignis.

 

Die Orgel kann gespielt werden, der Posaunen- oder Kirchenchor dagegen nicht. „Zu groß die Gefahr einer Ansteckung", bedauert Pfarrer Meyer. Wenig soll gesungen werden, Liedblätter statt Gesangbücher und der Gottesdienst insgesamt höchstens 60 Minuten dauern. Klingelbeutel wird ebenso nicht herumgereicht, wie im Anschluss in kleinen Gruppen beim sonst üblichen Kirchenkaffee zusammenstehen. Ja, die Sitten sind rau, möchte man sagen.

Aber die Verkündigung, die ist gleich geblieben in Merkendorf und anderswo. Hier predigt mit Detlev Meyer ein musikalisch begabter Pfarrer, der seine Gemeinde kennt, ihr seid 29 Jahren vorsteht. Weil er an die vielen strengen Hygieneverordnungen denkt, spricht er in seiner gut 15-minütigen Predigt von einem Pfingsten in Moll, „der Stecker scheint gezogen". Es gelingt ihm, den Spagat von Moll zu C-Dur zu vollziehen, als er die Situation vor über 2.000 Jahren schildert. Da ging es um Feuer und Flamme für die Sache und dass der Glaube größer als die Angst und Selbstzweifel war und ist. Der fast 60-jährige Theologe weiß, was die Menschen benötigen und spricht deren Gedanken rund um die Corona-Krise offen aus: „Ach, wäre das schön, ohne Abstand und ohne die blöden Masken sich unbeschwert zu treffen". Er möchte die Menschen lachen sehen und sich nicht vorkommen, als ob er vor lauter Bankräubern predige. Das sagte er einst zu seiner Frau Margot nach dem allersten Gottesdienst, als alles noch fremd und ungewohnt war. In dieser geistlichen Stunde holte er quasi die Menschen ab, sprach davon, dass Gott mit dem Leben eines jeden einzelnen eine eigene Pfingstgeschichte hat, „egal, ob mit zwanzig, fünfzig oder achtzig Jahre". Er wünscht sich, dass „wir dadurch froher in die Zukunft blicken können, „denn der Heilige Geist weht da, wo nicht der Egoismus regiert". Diese Botschaft kam an, die Gemeinde geht gestärkt aus dem Kirchenraum. „Der predigt immer so gut", ruft laut eine Kirchengängerin in meine Richtung.

Auch wenn die Kritik an der Maßnahme bleibt: „Hab wenig Luft gekriegt, so ein Schmarrn", grantelt ein älterer Mann. Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis so etwas wie Normalität bei den Kirchen eintritt. Ein erster Schritt in dieser Richtung ist die verschobene Konfirmation. Sie soll in Merkendorf Mitte Oktober nachgeholt werden. Ohne Masken, ohne gesperrte Bänke.

REINHARD KRÜGER

 

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